Ja, Frauen werden im Schnitt schlechter bezahlt. Ja, Frauen müssen sich häufig erst beweisen, wohingegen Kompetenz dem weißen, durchschnittsalten Mann erst bei Fehlern aberkannt wird. Ja, Frauen müssen sich am Arbeitsplatz unpassende Sprüche anhören. Dinge wie “Lächel doch mal, Schätzchen”, “Bist du immer so bossy?” oder “Stören dich deine Brüste eigentlich beim tippen?” sind noch von der harmlosen Sorte.


Die Nachteile, denen Frauen im Arbeitsalltag begegnen, sind zahlreich und eben nicht rein biologischer Natur, wie der zeitliche Ausfall während und nach der Schwangerschaft. Auch wenn die IT ein recht aufgeschlossener Bereich ist und negative Aspekte dort weniger präsent sind, bilden sie leider dennoch oftmals die Regel. Das muss nicht sein. Tatsächlich schlagen allerdings über 40% der Frauen nach durchschnittlich sieben Jahren Arbeit in der IT aufgrund der negativen Faktoren einen anderen Weg ein.[1] Heute wollen wir uns zur Abwechslung jedoch mit den Vorteilen beschäftigen, denn die gibt es ebenso!

Der Grund für diesen Beitrag

Meine Intention hinter diesem Text ist nicht, dass “alles so bleiben soll wie es ist”. Auch wenn viele der folgenden Vorteile sich gerade dadurch ergeben, dass Frauen eine Minderheit in der IT bilden, finde ich ein ausgeglichenes Verhältnis äußerst erstrebenswert. Diverse Teams funktionieren eben aufgrund ihrer Diversität so gut. Dieser Post soll als Motivation gelten, mögliche Ängste nehmen und hoffentlich einige dazu ermutigen, den ersten Schritt in Richtung Tech zu gehen oder den Weg dahin durchzuhalten. Denn es lohnt sich.

Nun zum eigentlichen Thema

Frauen anzustellen birgt auch aus Sicht des Unternehmens zahlreiche Vorzüge. Unter anderem ein ausgewogeneres Klima und die magnetische Anziehung weiterer weiblicher Kolleginnen. Denn wir wissen ja: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Für Frauen, auf die ein überwiegend männlich geprägtes Umfeld unter Umständen abschreckend wirkt, wird die Hürde sich zu bewerben geringer und auch aus dem eigenen Netzwerk kommen weitere Frauen als potenzielle Kandidatinnen dazu.

Doch statt um die Vorteile aus Firmenperspektive soll es jetzt um die für das weibliche Individuum an sich gehen. Klargestellt sei aber, dass ich nicht für alle Frauen sprechen kann, denn die Wahrnehmung variiert sehr stark: Während einigen nie etwas Negatives widerfahren ist, machen andere tagtäglich unerfreuliche Erfahrungen. Wieder andere hatten zwar keine explizit unschönen Erlebnisse, können aber ebenso keine besonderen Vorteile für Frauen benennen.

Macht euch also bereit für eine subjektive Einschätzung meinerseits

Bereits auf den ersten Schritten einer Frau auf dem Pfad zur Softwareentwicklung können von rechts und links skeptische Stimmen erklingen. Einige schreckt das ab, in anderen weckt genau das den Kampfgeist. Allein um es den voreingenommenen "Idioten" zu zeigen, wird sich ins Zeug gelegt, was das Zeug eben hält! Und selbst wenn diese skeptische Stimme nicht von außen kommt, haben wir manchmal diesen kleinen oder großen Zweifler in uns, der sagt “Oh Gott, ich kann das alles nicht”. Doch auch den lassen wir auf lange Sicht verstummen, mit eiserner Disziplin und dem Willen den anderen aber vor allem uns selbst das Gegenteil zu beweisen. Das härtet ab und sorgt dafür, dass wir uns mutig in Herausforderungen stürzen, denn wir haben uns bereits bewiesen, dass wir diese meistern können.

Natürlich begegnet uns nicht nur Skepsis. Herausforderungen gibt es viele, aber durch die Zugehörigkeit zu einer unterrepräsentierten Gruppe finden wir in eben dieser auch Support. Mitstreiterinnen in männerdominierten Bereichen reichen sich statt des Ellenbogens eher die Hand, denn auch wenn man abgesehen von Geschlecht und Beruf nichts gemein hat, gibt es eben diesen Faktor, der einen verbindet und sofort für ein Gefühl der Zusammengehörigkeit sorgt. Eine Gemeinschaft, in der man eben dies nicht zueinander ist: gemein. Ganz im Gegenteil trifft Hilfsbereitschaft auf gegenseitige Unterstützung. Häufig gibt es sogar Verbände, die einen geschützten Bereich für Frauen zum Austausch und das Teilen von Know-how bieten. Ein Beispiel sind Meetup-Gruppen wie Women in Tech oder PyLadies.

Meetups sind nicht die einzigen Social Events, bei denen sich Vorteile ergeben. Auch auf Konferenzen kann profitiert werden. Zu den Vorteilen zählen der vergünstigte Besuch für Mitglieder von Minderheiten oder die aktive Aufforderung, selbst einen Beitrag als Speakerin zu leisten. Ich persönlich bin an dieser Stelle eher der Freund von gender-neutralen Bewerbungsverfahren, schließlich möchte ich einen Vortrag lieber aufgrund eines interessanten Themas halten anstelle meines Geschlechts. Anonyme Bewerbungen reichen aufgrund der Überrepräsentierung von Männern für eine ausreichende Vertretung von Frauen leider häufig nicht aus, weswegen die “positive Diskriminierung” in diesem Fall notwendig und zuträglich ist. Zudem bietet die Bevorzugung hier häufig kostenlosen Zugang zu weiteren Vorträgen sowie die Möglichkeit als Vorbildfunktion für andere Frauen zu fungieren.

Wem Sprechen vor einem Publikum Schweiß auf die Stirn treibt, der kann beruhigt sein: Denn wo der Karren tief im Dreck steckt, lässt sich auch im kleinen Gutes tun. Eben weil wir eine Minderheit sind, können wir richtig was bewegen. Oft genügt dafür bereits ein aufmerksames Auge: An meiner Hochschule wurden kürzlich die Seminarräume nach Wissenschaftlern benannt. Die Auswahl: Durchweg männlich. Erst als eine ehemalige Kommilitonin darauf aufmerksam machte, wurden auch Frauen in die Benennungen aufgenommen. Zack, Welt verbessert. Ich bin sicher, dass sich auch in Deinem Alltag Dinge ergeben, bei denen kleine Änderungen großen Einfluss haben. Hinsehen und anmerken lohnt sich – neben dem eigenen Schulterklopfer vor allem dafür, dass sich deine Mitmenschen wohler fühlen in dieser Welt.

Während diese bekannten Wissenschaftlerinnen es sicherlich schwer hatten in der Vergangenheit, ist der heutige Arbeitsmarkt im Bereich IT ein sehr angenehmer. Als Arbeitnehmer*in wird man umworben. Bewerbungsgespräche fühlen sich zum Teil an, als würden sich Firmen bei dir bewerben statt andersherum. Um zu punkten, bieten viele sogar spannende Vorteile: Von vergünstigten Mitgliedsbeiträgen im Fitnessstudio (gar nicht verkehrt, um das kostenlose Kontingent an Limonaden und Bier wieder abzutrainieren) bis zum Netflix-Abonnement. Die Not macht definitiv kreativ. Neben den Boni ergibt sich aus der arbeitnehmendenfreundlichen Marktlage alles in allem eine gute Work-Life-Balance. Flexibilität in Arbeitszeit und -stunden bietet Müttern (und Vätern) außerdem einen guten Wiedereinstieg nach der Elternzeit.

Natürlich gelten viele der Vorteile aus Arbeitnehmersicht auch für Männer. Doch für Frauen ergeben sich durch den Raritätsscharakter und der daraus resultierenden Erinnerungswürdigkeit noch zusätzliche in Bezug auf Gesprächseinladungen und Einstellungen – zumindest, wenn ein Bewusstsein für die Benachteiligung von Frauen oder den positiven Einfluss diverser Teams besteht. Bei einem Kollegium ohne weibliche Mitglieder würde die Wahl bei zwei gleich guten Bewerber:innen wahrscheinlich auf die Frau fallen. Auch wenn Letztere nicht per se besser geeignet ist für den Beruf, werden meist doch Eigenschaften mitgebracht, die ansonsten vorhandene Lücken schließen. Respektiert das Team Frauen in Führungspositionen, kann diese Charaktereigenschaft den Weg ins Management ebnen. Tech im Allgemeinen ist ein recht fortschrittlicher Bereich, Diskriminierung aufgrund des Geschlechts kann trotzdem vorkommen. Ist das der Fall bietet sich aufgrund der guten Marktlage aber ein gute Basis, um diese offen anzusprechen und dagegen vorzugehen. Wie du Sexismus erkennst und dagegen vorgehen kannst ist beispielsweise hier nachzulesen.
 
Nicht so rar sind dagegen Job-Angebote auf Führungsebene, die sicherlich auch auf dem zuträglichen Aushängeschild “Wir haben Frauen in Führungspositionen” oder der Frauenquote beruhen. Die Diskussion des notwendigen Übels gegenüber der Gleichstellung mit der Beeinträchtigten-Quote führe ich vielleicht an einem anderen Tag.

tl;dr: Dat Gude in Kürze

Ich rede meist sehr wortreich, daher das Wichtigste zusammengefasst:

  • Die gute Ausgangslage für Verhandlungen sorgt für außerordentlich wunderbare Arbeitsbedingungen, wie zum Beispiel flexible Arbeitszeiten.
  • Als “Orchidee unter den Blumen” bleibt man (bzw. Frau) hängen, die Hürden für Einladungen zum Gespräch sind geringer und Job-Angebote eher die Regel als die Ausnahme.
  • Konferenzen können meist vergünstigt besucht werden und auch Slots für Talks sind einfacher zu ergattern.
  • Dein Geschlecht stellt dir Verbündete zur Seite: Das Gefühl der Zusammengehörigkeit schweißt zusammen und gegenseitige Hilfe sowie Unterstützung kommen dir zugute.
  • Wir können Dinge bewegen, weil es viel zu bewegen gibt - bereits kleine Änderungen können die Welt sehr viel besser machen.
  • Das Umfeld ist ein gutes Training für Kampfgeist, Schlagfertigkeit und den Mut, Herausforderungen anzugehen.

Ein letztes hinten dran

Wenn Du dich bisher in keinem dieser Vorteile wiederfinden kannst, wage ich noch einen allerletzten Versuch: Endlich einmal kürzere Schlangen vor der Frauentoilette auf Tech-Events und quasi ein privates Bad mit Exklusivzugang im Büro. Schon das macht froh.

Links

[1] If you think women in tech is just a pipeline problem, you haven’t been paying attention

[2] Why sexism is rife in Silicon Valley

[3] Why Silicon Valley is stuck in the past on sexism